Auf Expedition mit Brückenbauern

Zu verstehen, warum die erfolgreichen digitalen Unternehmen den Umbau nicht als Problem, sondern als einzige Chance in der heutigen Welt sehen, hilft mir immer eine Geschichte aus der “echten” Welt.

Einfache Probleme – Best Practices

Es gab einmal einen kleinen Jungen, der war neugierig und entdeckte seine Welt. Beim spielen an einem Bach wollte er auf die andere Seite. Er löste das Problem auf einfach Art mit einem Baumstamm.

Komplizierte Problem – gut planbar

Er musste auch später noch häufig an diesen Bach zurück denken, als er mit dem Bau seiner ersten richtigen Brücke beschäftigt war.

Andere Brücke, aber auch diese ist gut planbar.

Über die Zeit wurden die Brücken immer größer und schwieriger. Aber der Junge, der inzwischen ein junger Mann war, löste alle Probleme indem er die Brücke präzise berechnete und plante.

Denn auf Eines war Verlass: das andere Ufer veränderte sich nicht. Es blieb genau dort, wo es war. Alles war planbar, größere Brücken brauchten daher lediglich mehr Zeit, Beton und Budget. Am Ende kann der Chef / Stakeholder nach mehreren Monaten Bauzeit über die fertige Brücke fahren.

Komplexe Probleme – großes Potenzial

Die wirklich spannenden Herausforderungen werden heute allerdings anders gelöst. Um wirklich große Ziele zu erreichen oder sich auch ohne ein gegenüberliegenden Ufer – also in eher unplanbaren Umgebungen – gut zurecht zu finden, benötigt es einen ganz anderen Ansatz.

Das größte Potenzial liegt nicht im Bekannten und Planbaren, sondern im Unbekannten. Dort schlägt Anpassungsfähigkeit, die 100% “perfekte” Lösung.

Till Kubelke, Digitallotse

Dieser Ansatz findet sich im agilen Vorgehen. Dabei steht nicht die Planung oder detaillierte Beschreibung des Projekts im Vordergrund. Es geht vielmehr darum, Hypothesen aufzustellen, diese zu verproben und schnelles Kundenfeedback zu erhalten. Das Ganze anhand einer Produktvision die für Kunden und auch Team klar macht, warum der eingeschlagene Weg der richtige ist.

Vergleichbar ist das Vorgehen mit einem Berggipfel der erreicht werden soll. Dieser ist zu hoch und zu weit entfernt für eine Brücke. Das Team muss ins Tal und an jeder Gabelung neu entscheiden, welcher Weg sie best möglich zum Gipfel bringt. Ob der angepeilte Gipfel dabei wirklich der höchste ist, sieht die Gruppe erst, wenn sie ein Stück des Weges gegangen ist.

Das Tal für unsere Expedition – die Gipfel sind per Brücke nicht erreichbar.

Die Gruppe muss also in das Tal aufbrechen, ohne zu wissen welcher Weg der richtige ist. Und der Chef / Stakeholder muss mit! Er kann nicht später hinzukommen, wenn das Team “fertig” ist, denn da gibt es dann keine Brücke.

Chaos

Aber Achtung. Das Team muss Lust haben, gemeinsam auf Expedition zu gehen, und es muss das Vertrauen und die Ausrüstung haben, um dies zu schaffen. Wenn der Chef nicht mit geht und seine Brückenbauer auf Expedition schickt, die jeden Tag wieder probieren, ob man nicht doch eine Brücke bauen kann, wird man es nicht schaffen. Ein Team welches sich nicht mit Brückenbau auskennt, aber gemeinsam alles dafür gibt, auf den Gipfel zu kommen, wird dann das Rennen machen.

Mindset

Hier wird klar, dass das es im Kern eine Frage des Mindset ist, die für eine solche “Reise” nötig sein wird. Das Team muss gierig auf Neues sein, muss das Zutrauen haben, das sie es schaffen können und muss – Thema: “Kultur des Scheiterns” – offen dafür sein, dass Dinge schief gehen, wenn man etwas probiert. Derjenige der probiert, ob der Fluß zu tief ist, wird selbstverständlich von den Anderen gerettet, wenn der Fluß tiefer ist als gedacht.

Die Geschichte geht auf das Cynefin Modell zurück, welches mir bereits in vielen Projekte begegnet ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Cynefin-Framework